„Eine Verabredung mit dem Frieden“ – so hieß die Veranstaltung am Wochenende 12./13. Juni 2026 im und vor dem Temple Neuf, einer alten lutherischen Kirche mitten im Zentrum von Strasbourg.
Dazu eingeladen hatten mehrere Friedensinitiativen und Kirchen vor Ort und in der Region: der Verband der mennonitischen Kirchen in Frankreich ( UEMF), der Verband der protestantischen Kirchen im Elsass und in Lothringen (UEPAL), Pax Christi, das Aktionsbündnis der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT), Church and Peace und Chemins de Paix, eine Friedensinitiative, die Orte und andere Friedensinitiativen unterstützt und vernetzt. Ein bunter ökumenischer und internationaler Strauß von friedensbewegten Menschen, die in diesen Organisationen tätig sind.
Mit einem Table Ronde, einem Runden Tisch begann der Freitagabend, um sich über Friedensfragen angesichts von Kriegen, über bedeutende Schritte hin zu einem gerechten Frieden und über die Möglichkeiten von dessen Umsetzung zu informieren. Philippe Richard, Doktor des Internationalen Rechts, der Verteidigung und Sicherheit äußerte sich zu Fragen der Menschenrechte. Frédéric Rognon, Philosophie- und Religionsprofessor, Maria Biedrawa, Vorstandsmitglied von Church and Peace und Ludovic Fresse von der „Straße der Erinnerung“ („Rue de la Memoire“) trugen ihre Gedanken und Erfahrungen zu folgenden Fragen vor:
• Wie ist der Friedensdiskurs mit dem Blick auf den Diskurs über den Krieg durch die Jahrhunderte allmählich zutage getreten?
• Welches sind die wesentlichen Bestandteile eines gerechten Friedens?
• Welches Interesse besteht im Voranbringen eines Diskurses über den gerechten Frieden, der das Paradigma vom gerechten Krieg umkehrt?
Heute erkennen die Kirchen zu Recht an, dass die Lehre vom „gerechten Krieg“ kein tragfähiges Konzept mehr ist. Gleichzeitig verbreitet sich jedoch weltweit erneut die irrige Vorstellung, Sicherheit lasse sich nur durch Aufrüstung und Kriegsvorbereitung erreichen. Demgegenüber erinnerte Dietrich Bonhoeffer daran: „Sicherheiten fordern heißt misstrauen, und Misstrauen gebiert Krieg. Überall verwechselt man Frieden mit Sicherheit.“
Frieden entsteht durch Dialog und durch die Achtung der Rechte aller Menschen. Er muss sich sowohl auf das Völkerrecht als auch auf den Glauben gründen. So heißt es in der Bibel: „Gnade und Treue begegnen einander, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Psalm 85,11)
Während in den internationalen Beziehungen und in vielen Machtstrukturen häufig noch das Recht des Stärkeren dominiert, können wir auf unserer eigenen Ebene zunächst Beziehungen zu den Menschen in unserem Umfeld aufbauen und pflegen. Auch wenn jeder Mensch im Alltag Friedensstifter sein kann, zeigen die Erfahrungen aus dem Sudan, von denen Maria Biedrawa berichtete, ebenso wie die jüngsten Entwicklungen in Südkorea, auf die Frédéric Rognon einging, dass es darüber hinaus notwendig ist, gemeinsam mit anderen für Frieden und Gewaltfreiheit einzutreten.
Ging es am Freitagabend hauptsächlich um Informationen über das Thema, so lag der Schwerpunkt am Samstagnachmittag auf der Formation, der praktischen Bildung in Bezug auf Friedensfragen unterschiedlicher Art. Vier Workshops fanden nacheinander auf dem Platz direkt vor dem Temple Neuf im Freien statt. Das Format war immer dasselbe: 25 Minuten Einführung ins Thema durch einen Workshopleiter, 5 Minuten Zeit für Fragen und 10 Minuten für Tanz für den Frieden in der Mitte des Platzes (angeleitet von Dorothea Wagner vom Liebfrauenhof zum Lied „Para la guerra nada“ von Marta Gómez.) und für ein gemeinsam gesprochenes Friedensgebet.
Nadine Salaün von Pax Christi fasste ihr Thema in eine Frage: Die Regelung der Gefühle als ersten Schritt zum Frieden? Frieden wird gelernt und beginnt bei einem selber. Indem man sich selber kennt und aufmerksam ist gegenüber dem, wie menschliche Gefühle funktionieren.
Maria Biedrawa, stellv. Vorsitzende von Church and Peace, sprach über das Thema: Wenn das Teilen von traumatischen Erlebnissen zu einer Brücke hin zum Frieden wird. Der Krieg zerstört mehr als nur die Infrastruktur. Traumatische Erfahrungen hinterlassen tiefgehende Spuren im Körper, im Herzen und im Geist, in unserer Fähigkeit, Vertrauen ins Leben zu haben und zusammen zu leben. Es gibt ein Vorher und ein Danach, man vergisst niemals. Jedoch kann sich ein Weg öffnen durch die Frage: Wie gehe ich damit um, was man mir angetan hat?
Florence Nicot, von der Mennonitischen Kirche, Lehrerin für Moderne Literatur am Collège, legte ihren Schwerpunkt auf das Lernen von Frieden: Ein Künstler für den Frieden werden, das kann man lernen! Mediation in der Schule ist ein Werkzeug, das den Jugendlichen in die Hand gegeben wird, um durch Erfahrungen und konkrete Techniken Spannungen zu entschlüsseln, Konflikte zu entschärfen und ein Botschafter für den Frieden im Alltag zu werden. Die Krise wird dann eine Gelegenheit, um Beziehungen gerechter zu leben.
Der letzte Workshop wurde von Betty und Claude Braun gehalten, die das Friedenshaus Jean Goss im Nordelsass leiten und Mitglied in der Vereinigung Le Soc sind. Ihr Thema war die Verweigerung aus Gewissensgründen, die heute wieder an Bedeutung in Frankreich, aber auch in anderen Ländern angesichts der Militarisierung der Gesellschaften an Bedeutung gewonnen hat.
Zum Abschluss des « Rendezvous avec la Paix » gab es einen ökumenischen Gottesdienst in der Kirche, zu dem ungefähr 60 Leute erschienen. Anwesend waren auch der emeritierte Bischof Marc Stenger aus Troyes und der griechisch-orthodoxe Pater Christos Filiotis-Vlachavas.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man an beiden Tagen „unter sich“ war, also Leute außerhalb der „Friedensbubble“ nicht zu den Veranstaltungen kamen. Allerdings hatten die Workshops, die vor der Kirche stattfanden, einen Öffentlichkeitscharakter. Etliche Leute auf den Bänken – direkt angrenzend an unsere Workshoppartyzelte – bekamen mit, worüber geredet wurde. Und nicht zu übersehen und zu überhören waren die Musik und die Friedenstänze in der Mitte des Platzes, zu denen sich auf Einladung einige Vorübergehende sogar in den Kreistanz einreihten und mittanzten.
Insofern hatte die Veranstaltung nicht nur Insidercharakter, sondern wie bei Demonstrationen – wenn auch begrenzt – eine Außenwirkung.
Dieses „Rendez-vous mit dem Frieden“ war wahrlich eine Verabredung mit dem Frieden für uns friedensbewegte Menschen, die sich in den Frieden verliebt haben oder bei denen diese Liebe wieder neu aufgeflammt ist.
Stefan Walter (Liebfrauenhof), Mike Zipser (Church and Peace)